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Heute keine Zeit zum Lernen. Morgen keine Chance am Markt.

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Es gibt eine tiefe Kluft zwischen dem, was theoretisch möglich wäre, und dem, was im Arbeitsalltag tatsächlich ankommt. Während die Anforderungen an unsere digitale Kompetenz exponentiell steigen, scheint der Raum diese Kompetenz zu erwerben, im selben Maße zu schrumpfen. Es ist ein Lern-Paradoxon mit dramatischen Folgen. Wenn das Lernen vom Schreibtisch fällt, dann zerbricht die Zukunft direkt auf dem Büroboden.

Diese Lücke ist kein rein technisches Problem. Es ist ein strukturelles. Wir umgeben uns mit Werkzeugen, deren Lizenzkosten wir oft nur durch eine massiv gesteigerte Effizienz rechtfertigen können. Doch die Realität des Wissensstandes steht häufig in einem deutlichen Missverhältnis zu diesen Investitionen. Es reicht nicht, die modernste Software-Suite auszurollen, wenn die Zeit fehlt, die Tiefe dieser Werkzeuge überhaupt zu ergründen.

Der blinde Fleck der Effizienz

In wirtschaftlich herausfordernden Zeiten ziehen sich viele Organisationen auf das zurück, was sie am besten messen können: die Finanzzahlen. Das ist legitim, denn ein Unternehmen muss Gewinn machen, um reinvestieren zu können. Doch in diesem Tunnelblick auf die Effizienz passiert etwas Gefährliches. Das Lernen wird als Nebentätigkeit eingestuft. Es wird zu etwas, das man tut, wenn mal Zeit ist.

Aber wann ist in einer dynamischen, global vernetzten Arbeitswelt jemals Zeit?

Wer das Lernen zur Privatangelegenheit oder zum optionalen Zusatz erklärt, übersieht, dass Wissensarbeit ohne kontinuierliche Kompetenzentwicklung das Verbrennen von Substanz bedeutet. Wir nutzen unsere mentalen Batterien ab, ohne sie jemals wieder aufzuladen. Das Ergebnis ist ein Stillstand auf hohem technologischem Niveau. Wir verfügen über Rechenleistung, die ganze Planetenbahnen berechnen könnte, nutzen sie aber oft nur als digitale Schreibmaschine mit eingebauter Ablenkungsfunktion.

Die drei Dysfunktionen

In vielen Projekten haben sich drei klassische Szenarien herauskristallisiert, warum die Vermittlung von Wissen ins Leere läuft.

1. Das Selbsterklärungs-Mantra

Oft wird neue Software eingeführt mit dem Argument, sie sei selbsterklärend. Das ist ein Trugschluss. Selbst ein Hammer ist nur für jemanden selbsterklärend, der das Konzept eines Nagels und einer festen Verbindung bereits kennt. Wer noch nie einen Hammer sah, wird Parallelen zu Bekanntem suchen. Ist ein Bohrgerät bekannt, wird man das neue Werkzeug vielleicht genau so einsetzen und versuchen, mit dem Hammer Löcher in die Wand zu schlagen. Das macht aus dem Hammer einen echt beschissenen Bohrer.

Bei komplexen digitalen Werkzeugen, die die Art und Weise der Zusammenarbeit verändern, gilt das umso mehr. Ohne Begleitung übertragen Menschen lediglich ihre alten, ineffizienten Gewohnheiten in das neue System. Neue Möglichkeiten werden nicht erkannt und der eigentliche Vorteil der neuen Software bleibt ungenutzt. Wir digitalisieren das Chaos, anstatt die Arbeit durch das Werkzeug zu veredeln.

2. Das Lernen auf Vorrat

In anderen Fällen wird geschult, Monate bevor das eigentliche Werkzeug überhaupt zur Verfügung steht. Man nennt das gerne Roll-out-Vorbereitung. Doch das Gehirn arbeitet ökonomisch. Informationen, die nicht unmittelbar angewendet werden, markiert es als irrelevant und löscht sie. Wenn das Tool dann endlich da ist, sind die Schulungsinhalte längst verdampft. Wir investieren in Wissen, das zum Zeitpunkt der Anwendung nicht mehr existiert und neu gelernt werden muss. Das ist fast gleichwertig mit einer nachträglichen Reparatur.

3. Die nachträgliche Reparatur

Das dritte Szenario ist das wohl häufigste. Das Werkzeug ist längst da, die Menschen kämpfen sich seit Monaten durch den Alltag und haben sich eigene, oft umständliche Workarounds geschaffen. Sie haben ihre eigene Wahrheit über das Tool etabliert. Wenn dann viel zu spät die offizielle Schulung kommt, ist sie oft auf Grundlagen ausgelegt, die die Anwender:innen längst auf ihre Weise gelöst haben. Die Schulung geht an den eigentlichen Schmerzen vorbei.

Wie wichtig hierbei die Wahl der richtigen Kommunikationskanäle ist, habe ich bereits in meinem Artikel über die Wirkung verschiedener Kommunikationskanäle im internen Veränderungsprojekt1interner Link, JobGedanken: Wirkung verschiedener Kommunikationskanäle im internen Veränderungsprojekt, aufgerufen am 1.3.2026 ausführlich analysiert. Es geht nicht nur um das Was, sondern vor allem um das Wann und Wie.

Der Traum vom Freiraum: Bram Schot und die schwindenden 20 Prozent

Es gab in der jüngeren Management-Geschichte immer wieder Momente, in denen Führungspersönlichkeiten den Wert des Träumens oder des freien Forschens proklamierten. Ein prominentes Beispiel ist die Antrittsrede von Bram Schot, dem ehemaligen CEO von Audi. Er sprach explizit davon, sich Zeit zum Träumen zu nehmen. Wer sich dieses bemerkenswerte Plädoyer für Neugier noch einmal ansehen möchte, findet das Video hier auf YouTube2extrener Link, YouTube: Audi MQ! Innovation Summit with Bram Schot, aufgerufen am 1.3.2026.

Ein leuchtend bunter, regenbogenfarbener Origami-Vogel fliegt in einem dunklen, überfüllten Archivkorridor, der von einem Lichtstrahl von oben beleuchtet wird. (KI generiert)
Die Befreiung von Kreativität und Farbe aus der Monotonie der Daten. (KI generiert)

Schot meinte damit kein zielloses Tagträumen, sondern das Lernen und Entdecken aus eigener Motivation. Ähnlich wie die berühmten 20-Prozent-Projekte bei Google zielt dieser Ansatz darauf ab, den Mitarbeitenden Autonomie über ihre Entwicklung zurückzugeben. Doch die Realität hat diese Konzepte oft eingeholt. Bei Google ist die 20-Prozent-Regel für viele längst zu einer Legende geworden, die im harten operativen Geschäft kaum noch Platz findet. Oft wird daraus ein 120-Prozent-Modell. Man darf forschen, aber erst, wenn die 100 Prozent des Tagesgeschäfts perfekt erledigt sind.

Was passiert mit diesem Freiraum, wenn die tägliche Last bereits die volle Arbeitszeit beansprucht? Wenn die Kapazität bereits ohne Lernzeit nicht ausreicht, wie soll dann an morgen gedacht werden? Wenn wir heute nicht lernen, wie wir morgen arbeiten, werden wir morgen nicht mehr arbeitsfähig sein.

Just-in-Time: Die Punktlandung beim Wissenserwerb

In der Produktion ist Just-in-Time der Goldstandard. Beim Lernen wäre das Ideal erreicht, wenn ich genau in dem Moment mit dem Aneignungsprozess fertig bin, indem ich das Wissen benötige. Das wäre die 100-prozentige Punktlandung. Ich stelle eine Herausforderung fest, finde die Lösung, verstehe sie und wende sie sofort an.

In der Realität ist das schwer zu erreichen. Die Arbeitsumgebung ist zu dynamisch, um heute sicher vorherzusagen, was ich übermorgen wissen muss. Wenn ich erst anfange zu lernen, wenn das Defizit auftritt, entsteht eine schmerzhafte Verzögerung. Wenn ich versuche, blind in die Zukunft zu schauen, lerne ich vielleicht etwas, das ich nie brauche. Beides wird in der Realität des selbstbestimmten Lernens passieren. Aber so lange die Abweichung vom Ideal gering bleibt, ist das eine nötige Bandbreite.

Die Menschen schätzen oft selbst am besten ab, was sie demnächst benötigen werden. Geben wir ihnen die Möglichkeit, Lerninhalte selbst anzugehen, ist die Trefferquote für den Unternehmenserfolg wesentlich höher, als wenn ausschließlich Vorgesetzte über Lernpfade entscheiden. Es ist eine Frage des Vertrauens in die Professionalität der Mitarbeitenden. Ich gehe davon aus, dass 98 % der Menschen einen guten Job machen wollen. Dazu gehört auch, sich an neue Abläufe anzupassen.

Multiplikatoren: Die Vorreiter schützen

Ein Hoffnungsschimmer sind die GUIDEs oder Change-Agents in unseren Organisationen. Das sind Menschen, die von Natur aus neugierig sind und Wissen bereitwillig teilen. Sie sind der Schmierstoff jeder Transformation. Aber wir müssen vorsichtig sein. Guiding ist echte Arbeit. Es kostet Zeit, anderen zu helfen, Wissen zu kuratieren und als Sparringspartner zur Verfügung zu stehen.

Wenn wir diese intrinsisch motivierten Multiplikatoren nicht schützen, wenn wir ihr Engagement als Hobby abtun, das zusätzlich zum vollen Tagesgeschäft zu leisten ist, riskieren wir ihren Burnout. Kompetenzförderung braucht eine Struktur, die Zeitinvestitionen wertschätzt und nicht nur als Belastung der Kostenstelle sieht.

KI, AI Slop und der neue Anspruch an das Lernen

Im Jahr 2026 ist die Künstliche Intelligenz kein Fremdkörper mehr, sondern ein integraler Bestandteil. Sie ist ein mächtiger Lernbegleiter. Wenn wir gelernt haben, sie gewinnbringend als Sparringspartner einzusetzen, erklärt sie, fasst zusammen und gibt Impulse zu humanoidem Weiterdenken. Künstliche Intelligenz macht das Lernen jedoch nicht optional. Im Gegenteil: Sie verschiebt die Anforderung massiv.

Ein goldenes Buch mit der Aufschrift „KNOWLEDGE“ steht als Fels in der Brandung eines Meeres aus digitalen Pixeln und Daten. (KI generiert)
Wahres Wissen als stabiler Anker in der modernen Informationsflut. (KI generiert)

Wir erleben derzeit die Schwemme von sogenanntem AI Slop. Das sind minderwertige, KI-generierte Inhalte, die das Internet und interne Netzwerke fluten. Texte ohne Substanz, Bilder ohne Seele und Informationen, die zwar plausibel klingen, aber faktisch falsch sind. Wer nicht gelernt hat, die Grundlagen seines Fachgebiets zu verstehen, wird diesen Slop nicht von echtem Wissen unterscheiden können.

Wir müssen lernen, wie wir die richtigen Fragen stellen und wie wir Ergebnisse kritisch bewerten. KI multipliziert unsere Fähigkeiten, setzt aber ein tiefes Verständnis voraus. Bullshit-in führt zwangsweise zu Bullshit-out. Wer sich auf der KI ausruht, ohne selbst zu wachsen, wird durch den digitalen Beifang der generativen Modelle am Ende dümmer, nicht klüger.

Das Resümee: Strukturelle Resilienz schaffen

Was wir brauchen, ist eine strukturelle Resilienz. Um das technisch zu verdeutlichen: Ein Prozessor unter Volllast läuft heiß. Das ist kalkulierbar, solange das Kühlsystem funktioniert. Steigt jedoch die Umgebungstemperatur, weil der Markt sich erhitzt, der Wettbewerbsdruck zunimmt oder neue Technologien die Komplexität steigern, dann raucht der Prozessor ohne Reserven einfach ab.

Ein System, das permanent bei 100 % Auslastung fährt, hat keine Reserven für eine Beschleunigung oder eine Kurskorrektur. Jede Minute, die wir heute in Kompetenz investieren, ist eine Versicherungspolice für unseren Job von morgen und die Zukunft unserer Organisationen. Lernen ist Kapazitätserhalt.

Wenn wir wollen, dass wir auch in Zukunft einen guten Job machen können, müssen wir unseren Raum für das Ausprobieren und Entdecken aktiv schützen. Es geht um die Zukunftsfähigkeit unserer Organisationen und um unsere eigene Relevanz am Arbeitsmarkt. Wenn das Lernen erst einmal vom Schreibtisch gefallen ist, ist der Weg zurück zur Kompetenz weit und steinig.


Bei der Erstellung dieses Inhalts kam KI als unterstützendes Werkzeug zum Einsatz. Die Verantwortung für die Richtigkeit, die Tonalität und die abschließende Freigabe liegt vollumfänglich beim menschlichen Urheber.



Abschließende Bemerkung:

„JobGedanken“ ist eine Kategorie, in der ich meine persönlichen Ansichten, Erfahrungen und Einschätzungen zu Themen wie New Work, kollaborativem Arbeiten, Lernmethoden und Tools wie Microsoft 365 teile. Diese Beiträge spiegeln ausschließlich meine eigene Meinung als Privatperson wider und stehen nicht für die Ansichten oder Positionen meines aktuellen, früheren oder zukünftigen Arbeitgebers. Jegliche Äußerungen in diesen Artikeln sind unabhängig und basieren auf meinem persönlichen Wissen und meiner Praxiserfahrung. Sie dienen der Inspiration und dem Austausch und stellen keine professionelle Beratung oder offizielle Empfehlung dar.


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Einzelnachweise
  • 1
    interner Link, JobGedanken: Wirkung verschiedener Kommunikationskanäle im internen Veränderungsprojekt, aufgerufen am 1.3.2026
  • 2
    extrener Link, YouTube: Audi MQ! Innovation Summit with Bram Schot, aufgerufen am 1.3.2026

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